Herkunft Hund: vom Flughafen ins neue Leben

Buddy und Ich
Nun sind wir schon beim dritten Interviewteil unserer Reihe angelangt. 
In der letzten Woche haben wir mit Franziska über ihren Mops Leo und das Thema Second-Hand Hunde gesprochen. 
Schnell wurde klar, dass man diese Entscheidung keinesfalls überstürzt aus Mitleid treffen sollte. Denn auch ein erwachsener Hund benötigt eine Menge Erziehung und Unterstützung. 
Und das braucht vor allem eines: Zeit.

Die Geschichte von Franziska und Leo hat mich allerdings davon überzeugt, dass auch ein Mensch-Hund-Team, welches nicht von Welpe an zusammen war, eine besondere, sehr enge Bindung zueinander aufbauen kann, welche von Vertrauen und Dankbarkeit geprägt ist.



Heute geht es um Hunde aus dem Ausland.
Einen Vierbeiner aus den teils katastrophalen Bedingungen in anderen Ländern zu retten wird immer häufiger zur Alternative zu den deutschen Tierheimen. Doch ist hier die Ungewissheit um die Vergangenheit noch größer als bei einem einheimischen Hund aus zweiter Hand. 
Was hat einen Hund aus einer sogenannten Tötungsstation für sein Leben geprägt? Was hat dieser alles miterlebt um z. B.  als Straßenhund zu überleben?

Leider habe ich schon Menschen getroffen, die scheinbar der Ansicht sind, dem Hund das Leben zu retten und ihn hier bei sich aufzunehmen wäre schon genug investiert. Dass diese Hunde enorme gesundheitliche Probleme haben können und aufwendiges Training, sowie langsamen Vertrauensaufbau brauchen - daran wurde wohl einfach nicht gedacht...

Wir haben mit DogBloggerin Andrea von Newspinscher gesprochen, die ihre Linda von einer Tierschutzorganisation übernahm. Diese holte Linda von Teneriffa nach Deutschland um ihr die Chance auf ein neues Leben zu ermöglichen


Hallo Andrea, erzähl uns doch erstmal ein wenig von dir und Linda und wie ihr euch kennengelernt habt!
Nun, das Team hinter newspinscher besteht zum einen aus Linda, einer ca. 5-jährigen Ratonero-Mix-Hündin aus Teneriffa (hierzulande besser bekannt als Pinscher) und meiner Wenigkeit, von Linda gerne als Redaktionsassistentin A. betitelt.
Gefunden haben wir uns in einer kleinen Tierschutzorganisation um die Ecke. Obwohl die Trauer nach dem Tod meines geliebten Kurzhaarcollierüden Kim sehr groß war, habe ich schnell gemerkt, dass es ohne Hund nicht geht und mich auf die Suche nach einem neuen vierbeinigen Partner gemacht.
Wie alles begann, könnt Ihr hier nachlesen:
Newspinscher Prolog

Also, wer noch nicht in eurem Blog nach gestöbert hat sollte das schnell nachholen! - Es lohnt sich auf jeden Fall.
Du sagtest, dass ihr euch bei einer Tierschutzorganisation gefunden habt... hast du denn gezielt nach einer Hündin aus dem Ausland geschaut oder war das eher Zufall?

Richtiggehend nach einem Hund aus dem Ausland habe ich gar nicht gesucht, ich wollte lediglich einem Hund aus dem Tierschutz ein neues Zuhause geben. Neben ihrer ausländischen Herkunft hat Linda vor allen Dingen Kriterien entsprochen, die mir persönlich wichtig waren. Das mag jetzt etwas hart klingen, wie der Griff nach einer Ware, aber ich denke, dass hier oftmals schon der Grundstein für Probleme gelegt wird, und das nicht nur bei Hunden aus dem Ausland. Natürlich möchte auch ich einen Hund haben, der mir vom Aussehen her gefällt. Dennoch steht bei mir hauptsächlich der Charakter eines Hundes und seine Reaktionen auf die Umwelt an erster Stelle, muss er doch mit den Bedingungen, die ich ihm biete und bieten kann zurechtkommen. Im Gegensatz zu mir, die ich nach einem passenden Partner Ausschau halten kann, kann sich der Hund sein neues Lebensumfeld leider in der Regel nicht aussuchen.

Das hast du wirklich schön formuliert - wenn das mal jeder Interessent im Hinterkopf hätte bei der Suche nach einem Hund. 
Also hattest du ein wenig Zeit Linda und ihre Eigenschaften kennenzulernen... hat das erste Beschnuppern denn ausgereicht oder wurdest du nach der Übergabe von einigen Schwierigkeiten überrascht?

Die größte Herausforderung war für mich die 20minütige Heimfahrt im Auto und die erste gemeinsame Nacht. Natürlich hatte ich mir einen Plan zurechtgelegt und gewisse Vorkehrungen getroffen und bei meinen Besuchen im Tierheim auch mal eine kurze Autofahrt mit Linda gewagt, denn nicht alles kann ein Tierheim im Vorfeld leisten und gerade bei Hunden aus dem Ausland weiß in der Regel kein Mensch, wie sie vorher so gelebt haben. Nicht unerheblich viele Hunde kennen das Leben in einer Wohnung nicht, da kann durchaus schon mal das profane Betätigen einer Klospülung zum Panikanfall führen...
Nun, klein Linda meisterte alles souverän, obwohl sie mit hoher Wahrscheinlichkeit vorher auf der Straße gelebt hatte.
Danach ist es wie mit jedem anderen Hund auch, man muss sich gegenseitig kennen lernen. Bis der Hund allerdings in seinem neuen Leben angekommen ist, geht meinen Erfahrungen nach mindestens ein halbes Jahr ins Land. Erst danach wird man wissen, wer und wie der neue Partner wirklich ist...
Mehr darüber habe ich bereits in einem anderen Artikel über Tierschutzhunde aus dem Ausland für den Blog von Sali geschrieben.


Den Artikel kann ich wirklich empfehlen! Ich habe ihn ja schon im Vorfeld zur Recherche gelesen.
Jetzt kommen wir aber mal auf die positiven Dinge zu sprechen. Was war der schönste Moment den du nach der Anfangszeit mit Linda erlebt hast?
Zu bemerken, was für einen unwahrscheinlich tollen Hund ich an meiner Seite habe, der trotz schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit das Vertrauen ins sein Leben nicht verloren hat. Und, das ich sie genauso lieben kann wie Kim. Das war tatsächlich meine größte Sorge...



Oh, das ist wunderbar! Etwas Besseres kann man sich ja kaum wünschen.
Wenn du dich nochmal auf die Suche nach einem Hund begiebst, würdest du wieder einen Auslandshund in Erwägung ziehen?
Ich würde mich vor allen Dingen für einen Hund entscheiden, er darf natürlich gerne auch aus dem Ausland sein. Zur Zeit trifft man immer häufiger auf Hunde aus dem Ausland, so dass zu der obligatorischen Frage "ist es ein Mädchen oder ein Rüde" nun gleich noch die Frage nach der Herkunft dazu gekommen ist - lach.
Allerdings wäre es mir wichtig, den Hund vorab kennen zu lernen, um mir meine eigene Meinung zu bilden, ob dieser Hund zu mir und meinem Leben passen könnte. Auch der Hund hätte so bereits Gelegenheit, mit mir Kontakt aufzunehmen, was ihm die Übersiedelung in sein neues Heim sicherlich erleichtern würde.
Rein vom Bild her entscheiden, das wäre mir persönlich zu heikel...

Man merkt, dass du dieses Thema ebenso kritisch von zwei Seiten betrachtest wie ich... Ich weiß nicht, ob man hier schon von einem Trend zum "geretteten Importhund" sprechen, aber in jedem Fall scheint sich dieser Weg einer wachsenden Beliebtheit zu erfreuen - und bei derartigen Entwicklungen bin ich immer etwas zwiegespalten. Welche Ratschläge würdest du denn Jemanden geben, der sich vorgenommen hat einen Hund aus dem Ausland aufzunehmen?
Es gibt einfach spezifische Gegebenheiten, auf die man mit Tierschutzhunden aus dem Ausland gefasst sein muss und gerade deshalb sollte Mitleid mit traurig blickenden Hundeaugen hinter Gitterstäben zu haben, als alleiniges Entscheidungskriterium schon mal nicht ausreichen. Und auch sehr hübsche Hunde können jede Menge Herausforderungen mit sich bringen, über die sich im Vorfeld viel zu wenig Menschen Gedanken machen.
Anders als bei uns sind nämlich viele ausländische Tierschutzhunde nicht unbedingt ein enges Zusammenleben mit dem Menschen gewohnt oder haben bereits schlechte Erfahrungen mit ihnen gemacht.
Auch unsere Standards bezüglich Aufzucht, Pflege, Fütterung und Gesundheitsvorsorge gibt es im Ausland eher nicht. Man muss sich vor Augen halten, das viele weder erzogen, stubenrein noch es gewohnt sind, an einer Leine zu laufen. Nicht unerheblich viele dürften das Leben in einer Wohnung oder einem Haus überhaupt nicht kennen, da sie ihr Leben bislang in Zwingern, an Ketten oder gleich auf der Straße verbracht haben.
Straßenhunde sind es gewohnt, für sich selbst zu sorgen und werden ihre Überlebensstrategien sicher nicht so gleich an den Nagel hängen, nur weil der Napf jetzt stets gefüllt ist. Und auch der Jagdtrieb sollte nicht unterschätzt werden, da viele Tiere nicht nur einer Jagdhunderasse zugehörig sind, sondern tatsächlich auch zur Jagd herangezogen wurden. Dass sie ausgemustert wurden, weil sie nicht gut genug oder zu gut waren, ändert daran überhaupt nichts.

Auch Hunden aus dem Ausland generell ein unproblematisches Sozialverhalten zu bescheinigen, ist sicher genauso wenig wahr wie die Aussage, dass alle ein Trauma erlitten haben. Es kommt einzig und allein auf die Erfahrungswerte des einzelnen Hundes und seiner bisherigen Lebensumstände an und was das aus oder mit dem Hund gemacht hat.
Daraus ergibt sich schon, dass man sich plötzlich einer Vielzahl von Problemen gegenüber sehen könnte (nicht muss) und man tut gut daran, möglichst im Vorfeld seine eigenen Möglichkeiten (persönliche Situation, Zeit, Erfahrung, Wissen und auch finanzielle Möglichkeiten für zum Beispiel Trainingseinheiten oder gesundheitliche Folgeschäden) mehr als kritisch zu hinterfragen, will man sich um einen Auslandshund bemühen und ihm weiteres Leid ersparen.

Und schon deshalb sollte man im eigenen und im Interesse des Tieres nur Hunde seriöser Tierschutzorganisationen übernehmen. Im günstigsten Fall wird mit einem deutschen Tierheim zusammengearbeitet (so wie im Fall von Linda), es gibt hierzulande Pflegestellen oder zumindest eine Kontaktperson, an die man sich im Falle von Schwierigkeiten wenden kann und darf. Denn Beratung im Vorfeld ist das A und O einer erfolgreichen Vermittlung. Nicht nur über Charakter und Veranlagung des zukünftigen Hausgenossen, sondern auch über etwaige Krankheiten (zum Beispiel die sogenannten Mittelmeerkrankheiten), die das Tier aus dem Ursprungsland mitgebracht haben könnte. Und wenn alle Stricke reißen, nimmt eine solche Organisation das Tier auch wieder zurück.
Seriöse Organisationen sind nicht nur an der Vermittlung der Tiere interessiert, sondern auch daran, die Situation vor Ort zu verändern. Sie sind nicht ständig überbelegt und bemüht, die ihnen anvertrauten Tiere adäquat unterzubringen und entsprechend pflegerisch und medizinisch zu versorgen. Man sollte bedenken, dass sonst auch überhaupt keine brauchbaren Aussagen über einzelne Tiere und ihren Gesundheitszustand möglich wären. Alles andere ist mehr ein gewinnbringendes Geschäft mit der Ware "Hund" und daran sollte man sich nicht unbedingt beteiligen, so leid es einem auch für das einzelne Individuum tun mag.
Auch wenn ein Rassehund hierzulande teuer ist, sollte man sich nicht allein von günstigen Vermittlungsgebühren zwischen 200 und 300 Euro für einen Tierschutzhund verleiten lassen. Die Folgekosten machen nämlich zwischen einem ehemaligen Streuner oder einem Hund aus einer Rassezucht keinen Unterschied und summieren sich im Laufe eines (hoffentlich) langen Hundelebens schnell zum Wert eines Kleinwagens. Nach oben hin sind natürlich keine Grenzen gesetzt...;-)

Und, weil ich es nicht gerade selten vorkommt, das überforderte Auslandshunde sich in der ersten Zeit losreißen und verloren gehen, möchte ich unbedingt noch mal darauf hinweisen, Hunde aus dem Ausland gut zu sichern, damit sie weder sich selbst noch andere in Gefahr bringen! Es gibt spezielle Geschirre, aus denen ein in Panik geratener Hund nicht so leicht herausschlüpfen kann. Ganz egal, ob Welpe, Junghund oder ausgewachsen. Eine behutsame Vorgehensweise ist Pflicht. Je nach Herkunft und Vorerfahrung muss sich der Hund erst an seine neue Umgebung gewöhnen (Kulturschock/Reizüberflutung). Die Tiere haben in der Regel genug mitgemacht, da muss man ihnen nicht gleich die nächsten Strapazen unseres überladenen Alltags aufzwängen, so gut gemeint es auch sein mag...

Was dann noch für einen Tierschutzhund aus dem Ausland spricht?


Nun, die Liebe zum Tier und das man mit ein bisschen Überlegung einen ganz wunderbaren Begleiter finden kann, dem man dann vielleicht nicht nur sein Leben retten, sondern dieses (zumindest aus unserer Sicht) u.U. auch wesentlich lebenswerter gestalten kann.

Und das sich durchaus auch Hunde mit schlechten Erfahrungen und/oder Handicap problemlos in unseren Alltag integrieren lassen, beweisen Hunde wie Linda täglich aufs Neue...


Liebe Andrea, vielen Dank, dass du dir die Zeit genommen hast, so ausführlich zu antworten! Ich hoffe, dass sich vielleicht der ein oder andere Interessent diese Informationen zu Herzen nimmt.

-Ende-

Wenn ihr mehr über Andrea und Linda erfahren wollt, dann schaut doch einfach mal in ihrem Blog Newspinscher vorbei.

Nach unserer Blogpause wird es selbstverständlich noch ein kleines, vergleichendes Resümee von uns geben.
Wir hoffen, euch haben die drei Interviews mit Sophia, Franziska und Andrea gefallen.

Alles Liebe,
Buddys Frauchen


*** sofern nicht anders gekennzeichnet, liegen sämtliche Bildrechte der in diesem Artikel veröffentlichten Fotos bei Andrea [Newspinscher] 

Kommentare

  1. Wir sind begeistert! Andrea bringt es auf den Punkt, sie zeigt nicht nur, Linda war ein Glücksgriff und alles ist Friede, Freude, Eierkuchen, sondern auch die Probleme, die auftreten können. Das finde ich besonders wichtig, weshalb ich es heute noch unserem Züchter hoch anrechne, dass er auf die Macken der Rasse aufmerksam gemacht und genau hinterfragt hat, ob ich dem auch gewachsen sei. Besonders wichtig auch der Punkt dass man sich vorab kennen lernen und nicht nur nach Bild entscheiden sollte. Eine super Interview-Reihe, die ihr da geführt haben. Wir freuen uns auf mehr davon.

    Liebe Grüße

    Britta & Chris

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  2. Liebe Andrea,
    ich habe es wirklich genossen, deinen Artikel zu lesen. Deine kleine Linda hat wirklich Glück gehabt - schön, dass du ihr eine Chance für ein neues Leben gegeben hast!

    Liebe Grüße,
    Rebecca mit Molly

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  3. Toller Artikel! Ich folge den beiden auch schon länger, aber durch solche Interviews erfährt man ja immer noch ein bisschen mehr.
    Viele Grüße,
    Nicole & Moe

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  4. Ein wirklich tolles interview, informativ und ganz so, wie wir Andrea kennen, authentisch und ehrlich. Ich hätte nicht den Mut, mir einen solchen Hund zu holen. denn es ist schon gut zu wissen, wo der Hund herkommt, was er erlebt hat. Daher ziehe ich meinen Hut vor Andrea und freue mich für sie, dass sie und Linda ao ein tolles Team sind.

    Diese Reihe ist wirklich klasse, da man ganz viel Neues und Spanndendes - wie hier - erfahren kann.

    Viele liebe Grüße
    Sabine mit Socke

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  5. Wir kennen die beiden noch nicht so lange, was wirklich schade ist, weil uns der Blog echt sehr gut gefällt.
    Danke für dieses tolle Interview, es war wirklich interessant!
    Generell gefällt uns diese Interviewreihe hier echt gut. Wir lesen gerne mit *Pfote hoch*

    Viele gepunktete Grüße
    der Milo

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  6. Wirklich ein super tolles und interessantes Interview !
    Bei Hunden aus dem Ausland kann ich wirklich sehr gut mitsprechen und mitfühlen.
    Schließlich kommen meine zwei Nasen auch aus Spanien - der Tötungsstation :)
    LG, Carola mit Deco + Pippa

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  7. Wirklich tolle Antworten. Danke für die ehrlichen Worte, Andrea. Ich hoffe, dass sie ein wenig zum Nachdenken animieren. Und Linda hat mit dir echt einen Glücksgriff gemacht.

    Diese Interviewreihe ist dir wirklich gut gelungen.

    Liebe Grüße
    Sonja und Charly

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