Herkunft Hund: Second Hand als erste Wahl

Sonntag, Februar 22, 2015

Buddy und Ich
In der letzten Woche erzählte uns Jokos Frauchen Sophia ihre persönliche Welpengeschichte. Sie berichtete von der Entscheidung einen Hund aufziehen zu wollen und den wunderbaren Momenten, die dieser Prozess mit sich bringt.

Aber auch hier gilt: Erst die Arbeit, ....
Denn einen Welpen aufzuziehen bedeutet vor allem zu Erziehen.
Man stößt immer wieder auf neue Herausforderungen, so individuell wie der Hund selbst.
Viel Geduld, Ausdauer, Konsequenz und liebevoller Humor  werden zu den besten Verbündeten auf dem Weg zum erwachsenen, reifen und gut sozialisierten Hund.





In unserem zweiten Teil beschäftigen wir uns nun mit dem Thema "Hund aus zweiter Hand".

Wer einem Vierbeiner ein neues Zuhause schenkt, hat ggf. die Schwierigkeiten der Welpen- und Junghundphase bereits übersprungen, doch heißt das, man bekommt einen ausgereiften, erwachsenen Hund, der weniger Erziehungsarbeit beansprucht? Kann man das gleiche, vertraute Verhältnis mit seiner Fellnase haben, wenn man die ersten Lebensjahre nicht zusammen durchlebt? Und welchen fortwährenden Einfluss haben die Erlebnisse und Erfahrungen, die der Hund zuvor gemacht hat?


Wir haben mit Dogbloggerin und Hundestylistin Franziska von "feingemacht - Hundestyling" über ihren Mops Leo gesprochen, den sie erst im Alter von 1,5 Jahren kennenlernte - und auf der Stelle beschloss ihm eine zweite Chance zu geben.



Hallo Franziska, schön dass ihr *nach unten schau* beide an unserer Reihe teilnehmt! Jetzt erzähl uns doch erstmal ein wenig über euch und wie Leo auf deine Füße fand.

Ich bin Franziska Knabenreich, 34 Jahre jung, Hundestylistin und Bloggerin aus Wiesbaden. Zwischen meinen Füßen (ziemlich oft aber auch auf meinen Füßen) sitzt mein 10 Jahre junger Mops Leo. Nun, das mit dem auf den Füssen sitzen ist so ein Mops-Ding und hat was mit Kontrollzwang zu tun ;-).
 Vor 8,5 Jahren habe ich Leo aus einer Familie geholt, die ihn nicht sehr gut behandelt hat. Er lebte dort auf einem Hof zusammen mit einem Rottweiler und war nicht gut sozialisiert. Er ging nie Gassi sondern musste sein Geschäft im Hof machen. Er kannte eigentlich nichts außer diesen Hof. Zudem war er viel zu dick und sehr dreckig. Ich hatte sofort Mitleid mit ihm und habe mich sofort entschlossen ihn dort wegzuholen.


Da muss ich erstmal schlucken...  dass sowas leider immer wieder -mitten in Deutschland- jahrelang seinen Gang geht und niemand etwas sagt oder unternimmt. 
Verständlich, in diesem Moment hast du dich sofort für Leo entschieden. Aber wieso sollte es generell ein Hund aus zweiter Hand und kein Welpe sein?

Ich bin nicht so der Kindertyp, und das trifft auch bei Hunden zu. Welpen finde ich sehr süß, aber auf diesen Welpen-Zirkus habe ich keinen Nerv. Natürlich ist ein Second Hand Hund auch eine Herausforderung. Aber mit Leo hatte ich echt Glück. Ich habe von einer Freundin erfahren, dass ein Mops abzugeben ist und was soll ich sagen, ich lieeeeeeeeeeebe Möpse. Also habe ich mir den kleinen Kerl mal angeschaut und er hat sich mit seinen riesigen Glubschaugen, der nicht vorhandenen Nase und seinem Schweinegrunzen direkt in mein Herz katapultiert. Es war mir egal, ob er schon „gebraucht“ war. Ich habe mich direkt verliebt.

Da hat Leo ja nochmal richtig Glück gehabt! Aber wenn ich mir vorstelle, wie die 18 Monate seines Lebens aussahen, was er erlebt und nicht-erlebt hat, kamen doch sicherlich einige Herausforderungen auf euch zu, oder?

Bei einem Second Hand Hund bekommt man die Katze im Sack. Ich habe quasi die ersten 1,5 Jahre von Leo verpasst. Ich wusste nichts über ihn. Nach und nach kristallisierten sich dann die „Probleme“ heraus.
Mit Leo Gassi zu gehen war ein Spießrutenlauf. Nicht, weil er auf andere Hunde Jagd machte, sondern weil er einfach nie Gassi gegangen ist und dieses normale Ritual einfach nicht kannte. Die ganzen Gerüche und Eindrücke haben den kleinen Kerl total überfordert. Er zog bis zur Besinnungslosigkeit und war kaum zu halten. Und wenn wir ihm im Wald von der Leine gemacht haben lief er als gäbe es kein Morgen mehr und blieb nicht mehr stehen.
 Mit ihm in die Stadt zu gehen war die ersten Jahre gar nicht möglich.

Dann gibt es noch einen sehr wichtigen Punkt, die Gesundheit. Leo hatte eine sehr schlechte Atmung und man konnte anfangs gar keine langen Runden mit ihm gehen, denn nach einigen Minuten legte er sich vor Erschöpfung hin. Kein Wunder, er war so gar nicht in Form. Da er vermutlich in seinem alten Zuhause vom Tisch gefüttert wurde drehte Leo jedes Mal durch, wenn wir am Esstisch saßen. Es hat lange gedauert, bis wir ihm dieses „Bettelverhalten“ genommen haben.

Oh mann, sowas dachte ich mir schon. Also bringt die Katze der Hund im Sack einen extra Sack an Herausforderungen mit sich... Wie hast du es geschafft diesen Berg an Problemen zu bezwingen?
 -denn mittlerweile seid ihr ja ein eingespieltes, vertrautes Team!

Es war klar, dass mit Leo gearbeitet werden musste.
Ein neues Futter Ritual musste her. Heute wartet Leo (zwar immer noch freudig erregt) ganz artig, bis wir es ihm gestatten zu seinem Futternapf zu gehen. Aufgrund seines starken Übergewichtes musste ein Trainingsplan her und als die Pfunde purzelten war Leo auf einmal ein ganz neuer Hund.
Seine schlechte Atmung machte mir aber immer noch zu schaffen, also entschied ich mich ihn operieren zu lassen. Der Arzt meinte es wäre ein Wunder, dass Leo noch lebt, so schlecht wie er Luft bekommt. Also die OP erfolgreich war und er richtig frei atmen konnte war ich sehr gerührt und erleichtert. Endlich hatte Leo mehr Lebensqualität.
Natürlich musste ich auch an unserer Bindung arbeiten, also habe ich Leo 4 Wochen lang nur beim Gassi gehen aus der Hand gefüttert. Heute kann ich beruhigt mit ihm ohne Leine laufen, da er sich alle paar Meter nach mir umdreht und aufs Wort hört.

Am schönsten ist es aber, dass Leo mir so sehr vertraut, dass er wirklich alles mitmacht. Egal ob Fahrrad fahren, im Flugzeug fliegen, Bahn oder Bus fahren. Er macht alles mit. Er ist ein glücklicher Hund, wenn er dabei sein kann.

Wow, wirklich beeindruckend was ihr beide geschafft habt! Wenn du nun zurückdenkst, würdest du dich wieder für einen Hund aus zweiter Hand entscheiden oder wäre dann doch ein Welpe eine Alternative für dich?

Das kommt auf den Hund drauf an. Ich würde sicher nicht mehr so schnell „zugreifen“, sondern versuchen den Hund näher kennenzulernen, bevor ich ihn zu mir nehme.
Durch meinen Job als Hundestylistin habe ich viel mit Second Hand Hunden oder Auslandshunden zu tun. In den meisten Fällen sind diese Hunde sehr entspannt und lieb.
Ich bin kein Freund dieser übertriebenen Züchterei. Es gibt so viele Hunde in Not, die ein neues Zuhause brauchen, es muss nicht immer ein Welpe für 1500 Euro sein. Von der Zucht-Maffia mal ganz abgesehen, die sich eine goldene Nase verdient, weil Leute einen Rassehund für „n Appel und n Ei“ wollen.
Ich glaube, dass Hunde aus zweiter Hand, gerade wenn sie aus schlechten Verhältnissen kommen wie Leo, es spüren, dass man ihnen hilft. Sie sind sehr dankbar und wollen auch oft gefallen. Ich glaube aber, dass ich wieder diesen Schritt gehen würde. Wenn man ernsthaft mit dem Hund trainiert und versteht ihn zu lesen, kann man mit gezieltem Training viel erreichen.


Das finde ich super! Ich sehe es genauso was  die ganze Welpenproduktionsmaschinerie angeht. Wir haben uns zwar gezielt für einen Welpen entschieden,  ich finde es aber wichtig sich Gedanken zu machen, sich zu informieren und das Ganze zu hinterfragen.
Kommen wir zu meiner letzten Frage an dich.
Was würdest du jemanden mit auf den Weg geben, der sich einen Hund aus zweiter Hand ins Haus holen möchte?

Oft treffe ich Menschen, die gerade einen Second Hand Hund bei sich aufgenommen haben. Sie wollen sofort mit ihrem Hund zu mir in den Hundesalon kommen und wollen sofort das ganze Programm.

Aber das ist der falsche Weg. Diese Hunde brauchen sehr viel Zeit und Ruhe um sich an das neue Zuhause zu gewöhnen. Sucht euch einen guten Hundetrainer, der euch unterstützt. Es dauert Monate, bis ein Hund sich richtig einlebt und dem neuen Herrchen oder Frauchen vertraut. Setzt euch kleine Ziele und geht kleine Schritte. Und vorallem verzweifelt nicht, wenn es mal Rückschritte gibt.
Ein Second Hand Hund wird oft nicht der perfekte Hund sein und seine Probleme haben. Leo ist ein sehr gelehriger Hund aber es hat auch ein Jahr gedauert, bis er ruhig an der Leine ging oder seine schlimme Nervosität abgelegt hat. Heute ist er ein entspannter Hund, den ich überall mit hin nehmen kann.

Am wichtigsten ist aber, dass man sich vorher richtig Gedanken macht und sich die Frage stellt: Habe ich Zeit für diesen Hund und habe ich die Geduld mich dieser Aufgabe zu stellen. Es ist eine große Aufgabe aber wenn man es richtig macht, wird man wunderschöne Momente mit seinem Second Hand Hund erleben dürfen!


 Liebe Franziska, vielen Dank, dass du uns aus eurem Leben berichtet hast!
Ich hoffe, eure Geschichte motiviert mehr Menschen, diesen Schritt zu wagen und einem bedürftigen Hund eine zweite Chance zu geben.

-Ende-

Wenn ihr mehr über Franziska und ihren Mops Leo erfahren wollt, dann schaut doch einfach mal in ihrem Blog oder bei Facebook vorbei. Oder, wenn ihr mal in der Nähe von Wiesbaden unterwegs seid, stattet den Beiden doch gleich persönlich einen Besuch ab und lasst eure Fellnase nebenbei ein wenig fein machen!


In der nächsten Woche geht es spannend weiter mit dem Thema "Hund aus dem Ausland" und einem Interview mit Andrea von Newspinscher.

Alles Liebe,
Buddys Frauchen

*** sofern nicht anders gekennzeichnet, liegen sämtliche Bildrechte der in diesem Beitrag veröffentlichten Fotos bei Franziska Knabenreich [feingemacht - Hundestyling] 
und stammen von  Sam von Kreativkartell

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4 Pfotenabdrücke

  1. Wieder eine tolle Geschichte, die zeigt, es geht auch anders. Wir haben hier im Viertel beide Varianten: Second-Hand-Hunde, an deren Problemen aber nicht gearbeitet wird und Welpen, die pünktlich zur Weihnachtszeit das erste mal auf den Plan getreten sind, aber schon wieder nirgends mehr zu sehen. Gerade dieses, ich weiß nicht, was der Hund erlebt hat, würde mich auch schon erst mal abschrecken. Aber es gibt natürlich auch Züchter, bei denen es Welpen nicht allzu gut haben. Toll finde ich, dass Franziska es so gut gemeistert und nicht aufgegeben hat, weil eben Probleme da waren.

    Liebe Grüße

    Britta & Chris

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  2. Bei so einem tollen Artikel geht mir das Herz auf! Was für ein Glück der süsse Leo hatte, schön dass du ihm eine zweite Chance gegeben hast! Molly findet Leo übrigens spitze!

    Liebe Grüße, Rebecca mit Molly

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  3. Ehrlich kommuniziert und es gefällt mir, dass auch mal darauf hingewiesen wird, dass Hunde aus zweiter Hand oder Tierschutzhunde Zeit brauchen, um anzukommen und nicht gleich das volle Programm von allem. UND, das Mitleid bei weitem nicht ausreicht...

    LG Andrea mit Linda, ebenfalls gebraucht

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  4. Liebe Melody,
    hiermit nominiere ich Dich für den Liebster Award :)
    http://hundundich.com/liebster-award-runde-2/

    Viele Grüße
    Mieke

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